„Vom Kaiserlichen Hauptpostamt zum modernen Museum“
Erschienen in : LICHT Ausgabe November - Dezember 2008
Verfasser: Martin Berke
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Vom Kaiserlichen Hauptpostamt zum modernen Museum
Die Lösung lag im Licht: Durch seine Neugestaltung des Mülheimer Museumshofs demonstriert Karsten Weber, dass althergebrachte Bausubstanz in der Begegnung mit kunstvoll gesetztem Licht eine völlig neue Bedeutung gewinnen kann.
Zwei Prinzipien sind es, die das Bild unserer Innenstädte bestimmen: Veränderung und Musealität. Einerseits befindet sich der Lebensraum Stadt im steten architektonischen Wandel: Wo gestern z.B. noch die Industrie ihr Recht forderte, geht es heute zunehmend um Fun, Verwaltung, Konsum und Kultur. Die Dinge sind in Bewegung. Anders als in der Vergangenheit ist die Stadt nicht mehr statische Größe, sondern Ad-hoc-Bildung. Doch in (und geradezu wegen) all dieser Dynamik zeigt sich auch ein musealer Zug – seit rund hundert Jahren stellt man die baulichen Repräsentanten der vergangenen Welt unter Denkmalschutz.
So lässt sich freilich die Hülle erhalten – der Inhalt jedoch schreitet fort. In Ermangelung von Feudalfürsten wird aus dem Schloss ein Wellness-Hotel, in Ermangelung von Stahl aus dem Walzwerk eine Großraum-Disco. Das funktioniert nicht selten reibungslos. Hier und da jedoch sieht sich der Architekt vor Probleme gestellt – insbesondere wenn die neue Bestimmung des Gebäudes in krassem Gegensatz zu dessen Erscheinungsbild steht. Etwa wenn es gilt, ein etwas behäbig anmutendes Kaiserliches Hauptpostamt in ein Museum für moderne Kunst zu verwandeln. Karsten Weber oblag es, die dem kleinen Park zugewandte Fassade der „Alten Post“ zu Mülheim/R. im Sinne ihrer neuen Bestimmung zu verändern – und das, ohne die Bausubstanz zu berühren. Die Lösung lag im Licht.
Das künstliche Licht ist ein hervorragendes Gestaltungsmittel moderner Architektur. In seiner immateriellen Flüchtigkeit ebenso wie in seinem starken sinnlichen Anspruch bietet es einen authentischen Ausdruck unserer Zeit (weshalb unsere modernen Städte des Nachts auch schöner anmuten als tagsüber). Doch Weber sah davon ab, die „Alte Post“ nur ins Grelle zu stellen. Stattdessen entschied er sich für zwei Projektoren, die insgesamt sieben Lichtpunkte auf das Gebäude werfen. Und hierdurch erzielt er bemerkenswerte Wirkungen: Mit einsetzender Dämmerung löst sich die etwas biedere Harmonie der Fassade auf. Nur die ins Licht gesetzten Elemente bleiben präsent – hier schwebt etwas Brüstung in der Dunkelheit, dort ein Fenster, dort ein wenig Gesims, all dieses scheinbar beliebig gewählt. Das Fragwürdige einer sich fragmentierenden Wirklichkeit ist ein großes Thema der modernen Kunst. Weber dekomponiert die Fassade kunstvoll und schafft so den Bezug zu dem, was hinter ihr geschieht.
Der Passant, im Allgemeinen nicht daran gewöhnt, dass ihm Gebäude nur punktuell erscheinen, hält inne: Was wird hier selektiv illuminiert? Und warum? So entsteht der Wunsch, „hinter diese Fassade“ zu blicken, welche auf so merkwürdige Weise ins Licht gerückt ist. Hiermit ist ein wichtiges Postulat des Kunstmuseums erfüllt: Es geht darum, das Innere nach außen zu künden. Die Fassade wird zur kommunikativen Schnittstelle.
Das Licht strebt von zwei im Dunkeln gelassenen Zentren nachgerade explosiv in alle Richtungen – damit erzeugt sich eine Dynamik, die den behäbigen Wilhelminismus der „Alten Post“ machtvoll in die Gegenwart katapultiert.
Schließlich ist auch der Konterpart des Gebäudes mittels Licht zum Atmosphärenträger erhoben: Eine an sich eher unscheinbare Ziegelmauer, die den Park zur anderen Seite beschließt, wurde vom Architekten mit Boden-Einbauleuchten versehen, was ihr eine stupende, geradezu das Geheimnisvolle streifende Relief-Wirkung verleiht.
Martin Berke